Bildung im 21. Jahrhundert - zwischen ökonomischer Verwertbarkeit und Anspruch auf individuelle Lebensgestaltung

Thesen von Dr. Thomas Köster Geschäftsführer des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstags beim SPD-Hochschulforum Wuppertal am 8. 2. 2000

These 1: Die geringe öffentliche Aufmerksamkeit für die bildungspolitischen Entscheidungen der deutschen Bundesländer steht in krassem Gegensatz zu der Bedeutung, die diesen Entscheidungen im Hinblick auf Globalisierung, sich verschärfenden Wettbe-werb, Weg in die Dienst-leistungs- und Wissensgesellschaft sowie Umstrukturierung der Arbeitsmärkte und Arbeitsplätze zukommt.

Sinn des bildungspolitischen Wettbewerbsföderalismus ist der Wettbewerb der Bundesländer um das beste Politikergebnis im Bereich der Bildungspolitik. Von einem solchen föderalen Bildungswettbewerb ist bisher viel zu wenig zu spüren. Dabei sind die Folgen des Tuns und des Unterlassens im Bereich der Bildungspolitik für die Zukunftsbewältigung junger Menschen im Hinblick auf Beruf und kulturelle Teilhabe gewaltig. Außerdem ist die staatliche Beanspruchung eines Bürgers - wenn man vom steuerlichen Zugriff absieht - nirgendwo so stark wie die durch Schulzeit. Die Einschränkung der Freiheit durch Schulpflicht führt zu einem besonders hohen Maß an Verantwortung der zuständigen staatlichen Stellen, die beanspruchte Lebenszeit junger Menschen wirklich sinnvoll zu nutzen. Ein Eingriff in Freiheit bedeutet auch, wenn Bildungswege so organisiert sind, dass mindestens ein Drittel Abbrecher auf der Strecke bleiben. Dies ist nicht nur Ressourcenverschwendung, sondern vor allem Demotivation und Zerstörung von Persönlichkeit.

These 2: Bildung ist weit mehr als der Erwerb von allgemeinem oder berufsbezogenem Wissen

Nach Meyers-Lexikon-Redaktion (um auf die Heranziehung ganzer Bibliotheken zu verzichten) ist Bildung sowohl der Prozess, in dem der Mensch seine geistig-seelische Gestalt gewinnt, als auch diese Gestalt selbst. Damit ist Bildung weit mehr als der Erwerb von allgemeinem oder berufsbezogenem Wissen, sondern Teil eines lebenslangen Prozesses, in dem der Mensch sich dem Ideal eines inneren Gleichgewichts seiner Person annähert. Die-ser Prozess verläuft nur in wenigen Einzelfällen völlig zweckfrei, sondern wird fast immer durch Zwecke und Aufgabenstellungen von dritter Seite geprägt und vorangetrieben. Diese Zwecke bieten unersetzliche Motivationen für den Menschen als soziales Wesen und tragen durch Entfaltung der geistigen und körperlichen Befähigungen im Zuge des individuellen Entwicklungs- und Reifungsprozesses zur Selbstakzeptanz, zum inneren Gleichgewicht, zur Selbst- oder Ichidentität der betreffenden Person bei (s. hierzu Twardy 1996). Das Motiv ökonomischer Verwertbarkeit ist mittel- und längerfristig fast immer mit im Spiel und steht nicht im Gegensatz zu dem Anspruch auf individuelle Lebensgestaltung, sondern ermöglicht sie erst, spornt sie an und ergänzt sie.

These 3: Gleichrangigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung heißt, dass beide gleich-rangige Zugangsmöglichkeiten zur Bildung als einem lebenslangen Prozess der Ent-wicklung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten auf dem Wege zum inneren Gleichgewicht einer Person darstellen

Die Vorstellung von einer Höherrangigkeit der allgemeinen gegenüber der beruflichen Bil-dung ist weit verbreitet, aber irrig. Eine solche Vorstellung ist Resultat von Standesdünkel und Einbildung, aber nicht von echter Bildung. Persönlichkeiten, die das Ideal inneren Gleichgewichts bei Entfaltung ihrer geistigen und körperlichen Befähigungen erreicht haben, gibt es unter Betriebsinhabern mittelständischer Betriebe z.B. mit Meisterqualifikation sicherlich so häufig wie unter Hochschullehrern. Wir sollten uns von der Vorstellung, es gäbe höherwertige allgemeine Bildung und geringerwertige berufliche Bildung, verabschieden. Allerdings hält sich diese Vorstellung mit großer Zähigkeit - insbesondere bei den meinungsbildenden Absolventen gymnasialer und universitärer Bildungsgänge in den sog. Überbau-Berufen.

These 4: Die zwei Drittel der Jugendlichen im dualen System der beruflichen Bildung sind die Kellerkinder der Bildungspolitik.

Obwohl zwei Drittel der Jugendlichen die Berufsausbildung in Betrieb und Berufsschule und nur ein Drittel anderweitige Berufsausbildungen durchlaufen, spielt die berufliche Bildung in der öffentlichen Bildungsdebatte eine nachrangige Rolle. Peter Glotz bringt es auf den Punkt: Glamour hat nur die Debatte über den Bildungsweg der Kinder der Bourgeoisie.

These 5: Es existiert ein Eiserner Vorhang zwischen den Denk- und Sprachgewohnheiten des Gymnasial-, Hochschul- und Wissenschaftssektors auf der einen Seite und den Klein- und Mittelbetrieben auf der anderen Seite.

  • Bei mittelständischen Betriebsinhabern des gewerblich-technischen Sektors bestehen überwiegend gravierende Berührungs- und Schwellenängste gegenüber dem Hochschul- und Wissenschaftssektor.
  • Virulent sind Vorbehalte gegenüber Hochschullehrern ("spricht nicht meine Sprache", "hat von der Praxis keine Ahnung")
  • Die Folge ist: Nur ein Prozent der von uns befragten Handwerksbetriebe hat bereits Hochschulkontakte.
  • Es besteht ein Desinteresse der Hochschullehrer an mittelständischen Betrieben und ihren Betriebsinhabern, deren Erfahrungen sie als für sich nicht wertvoll einstufen.
  • Handwerksmeister, die hervorragende Sachverständige z.B. für Baumängel oder für Dachundichtigkeiten sind, haben fast keine Chance, auch nur einmal als Gesprächs-partner in ein Seminar einer Technischen Hochschule eingeladen zu werden.
  • Fachhochschulen, die sich aus Statusgründen zu stark dem Bild der Universitäten anpassen, verhalten sich hier nicht viel besser.
  • Wissenschaft und Öffentlichkeit realisieren leider nicht, wie sehr auch das Handwerk und die mittelständische Wirtschaft theoriegeleitete Erkenntnisse benötigen.

These 6: Gymnasien und Hochschulen bilden ihre Absolventen ganz überwiegend für Groß-unternehmen, freie Berufe und den öffentlichen Dienst aus, aber fast überhaupt nicht für die mittelständische Wirtschaft

Wer als junger Mensch seinen Fuß in ein deutsches Gymnasium setzt, ist mit einem Anteil von über 80 Prozent für die gewerblich-technischen Berufe der Wirtschaft verloren. Gymna-sien und Hochschulen bilden ihre Absolventen ganz überwiegend aus für Großunternehmen, freie Berufe und den öffentlichen Dienst, aber fast überhaupt nicht für kleine und mittlere Unternehmen und das Handwerk, obwohl diese Betriebe über 90 Prozent aller Unter-nehmen, weit über 50 Prozent aller Arbeitsplätze und 80 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse zur Verfügung stellen. Der Beitrag der Hochschulen zur Selbständigkeit in Deutschland ist dadurch bisher marginal. Dies alles bedeutet eine gezielte Ausbildungssubventionierung bestimmter volkswirtschaftlicher Sektoren unter weitgehender Ausklammerung von Mittelstand und Handwerk. Dies bewirkt zugleich eine Lenkung der Begabungsreserven weg von der mittelständischen Wirtschaft. Es gibt eine eklatante Ungleichheit in der öffentlichen Finanzierung weiterführender allgemeiner Bildungswege (Gymnasien, Universitäten) auf der einen Seite und berufsbezogener Bildungswege auf der anderen Seite. Auch wenn sich die Hochschulen zu Recht angesichts einer Verdoppelung der Studentenzahlen seit 1977 über eine völlig unzureichende Finanzausstattung beklagen, so ist festzustellen, dass die finan-zielle Dotierung des dualen Systems der beruflichen Bildung mit öffentlichen Mitteln noch weitaus schlechter ist. Die einseitige Ausrichtung des Hochschul- und Wissenschaftssektors in Richtung auf Großbetriebe wird noch dadurch verstärkt, daß beispielsweise die rot-grüne Landesregierung in NRW zusätzliche öffentliche Forschungsgelder für Hochschuleinrich-tungen vom Umfang der zuvor aus Großunternehmen der Industrie eingeworbenen Drittmittel abhängig macht. Dies soll sogar noch verstärkt werden.

These 7: Unser allgemeinbildendes Schulsystem führt einen zu großen Teil seiner Absolventen bisher weder zu einer ausreichenden Ausbildungs- und Berufsfähigkeit noch zu einer zureichenden Studierfähigkeit. Das Abverlangen bestimmter Leistungsmindeststan-dards bei den Schulab-solventen liegt sowohl im Interesse ihrer individuellen Lebens-gestaltung als auch im Interesse des Erfolg ihres späteren beruflichen Lebensweges.

"Drei Bonbons kosten 5 Pfennig. Wie viel Bonbons kann man für 60 Pfennig kaufen?" Wenn beim Lehreingangstest eines Unternehmens 50 % der Realschüler nicht auf das richtige Ergebnis kamen (alle haben inzwischen nachgerechnet, 36 ist das richtige Ergebnis) und wenn auch 26 % der Gymnasiasten an dieser simplen 3-Satz-Aufgabe scheiterten, dann zeigt sich hieran beispielhaft, wie dringend das Thema der Durchsetzung bestimmter Mindestleistungsstandards ist (s. Claus-Dieter Weibert 1998 b). Im Landesausschuss für berufliche Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen und im Ausbildungskonsens NRW haben sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und Landesregierung auf bestimmte Mindestanfor-derungen geeinigt, deren Erfüllung von Schulabgängern seitens der Wirtschaft erwartet werden.

  • Bei den fachlichen Kompetenzen werden erwartet: Grundliegende Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift, Beherrschung einfacher Rechentechniken, grundlegende naturwissenschaftliche Kenntnisse, Grund-kenntnisse wirtschaftlicher Zusammenhänge, Grundkenntnisse in Englisch, Kenntnisse und Verständnis über die Grundlagen unserer Kultur
  • Bei den persönlichen Kompetenzen werden erwartet: Zuverlässigkeit, Lern- und Leistungsbereitschaft, Ausdauer - Durchhaltevermögen, Belastbarkeit, Sorgfalt - Gewissenhaftigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Verantwortungsbe-reitschaft - Selbständigkeit, Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik, Kreativität und Flexibilität
  • An sozialen Kompetenzen werden erwartet: Teamfähigkeit, Freundlichkeit, Konfliktfähigkeit, Toleranz

Die Industrie- und Handelskammern und das Handwerk haben diesem Anforderungskatalog folgenden Satz hinzugefügt: "Die Leitziele Emanzipation und Selbstverwirklichung müssen stärker ergänzt werden durch Pflicht- und Verantwortungswerte, die es erst ermöglichen, Leistung zu erbringen und Verantwortung für andere zu übernehmen."

These 8: Die Auseinandersetzung zwischen rheinischem und angelsächsischem Kapitalismus stellt auch das deutsche Berufskonzept in Frage. Dennoch ist das Berufskonzept auch im Zeitalter einer historisch einzigartigen Beschleunigung des wirtschaftlich-technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandels der unverzichtbare Anker für individuelle Qualifizierung, Arbeitsmarktorientierung, Identitätsstiftung und Veränderungsbewältigung

Das deutsche Berufskonzept wird von verschiedenen Seiten zur Disposition gestellt. In dem Maße, wie man sich in Deutschland auf den "Shareholder Value" als Leitbild einlässt, scheint die duale Berufsausbildung in eine Krise zu geraten: Zu viel, zu lang und zu teuer. Letzlich aber stehe nicht nur die duale Ausbildung, sondern der Beruf selbst zur Diskussion und werde in Zukunft - wie einige Bildungswissenschaftler glauben - durch eine bloße Qualifika-tionskollage ersetzt, also durch aktuelle, rasch erneuerbare Spezialqualifikationen. Motto: "Flüchtigkeit ersetzt Tüchtigkeit" (s. Hugo Küchler 2000). Die Auseinandersetzung zwischen rheinischem und angelsächsischem Kapitalismus wird auch die berufliche Bildung der Zukunft auf das Stärkste beeinflussen. Unbestritten ist, daß die Schnelligkeit des wirtschaft-lichen und technischen Wandels, die Umbrüche im Beschäftigungssystem, die zunehmende Arbeitslosigkeit und häufiger Berufswechsel den Beruf als Grundlage für ein ganzes Berufs-leben zunehmend in Frage stellt. Die Kommission der Europäischen Union empfiehlt auf der Grundlage der Transparenz-Entschließung des Europäischen Rates von 1996 eine Strate-gie, deren Hauptmerkmale Flexibilisierung, Modularisierung und "Akkreditierung von Teil-kompetenzen" sind. Mit der "Akkreditierung von Teilkompetenzen" verwischen sich laut Weissbuch der Kommission die Grenzziehungen zwischen den Berufen (ganz wesentlich beeinflusst durch die Informationstechnologien), womit die Kategorie "Beruflichkeit" voraus-sichtlich auf der Strecke bleibe (s. Lipsmeier 1998). Dies alles legt die Frage nahe: Muss das System beruflicher Erstausbildung auf der Basis staatlich verordneter, festgelegter Berufs-bilder heute als Hindernis für Flexibilität unserer Wirtschaft und ihrer Personalrekrutierung angesehen werden (Claus-Dieter Weibert, 1998a)? Diese Frage stellen, heißt durchaus nicht, sie zu bejahen. Dass bestehende Berufsbilder und Ausbildungskonzepte für neue Anforderungen noch keine passenden Antworten haben, bedeutet nicht zwangsläufig, dass die weitere Orientierung am Berufsprinzip falsch wäre. Der Vorschlag einer modular gestal-teten Berufsausbildung nach britischem Beispiel hat zwar den Vorteil größerer Flexibilität als dies bei komplexen Ausbildungsberufen der Fall ist. Berufliche Handlungskompetenz ist aber mehr als die Summe von Teilqualifikationen. Mit dem Modell einer Qualifikationskollage durch Kombination einzelner Module würden wichtige Vorteile unseres gegenwärtigen Berufsbildungssystems verspielt (s. hier und zum folgenden: Claus-Dieter Weibert, 1998 a):

  • Das betrifft einmal die Transparenz des Qualifikationsniveaus, die Aussagekraft von Zeugnissen und damit die Mobilität der Arbeitnehmer. Im dualen System weiß der Arbeitgeber, welche Mindestqualifikation er vom Arbeitnehmer erwarten kann; die Folge von Modulen wäre dagegen eine Verunsicherung der Unternehmen über die Passfähig-keit von Qualifikationsangeboten und betrieblichen Qualifikationen.
  • Eine Auflösung des Berufskonzepts als Grundlage für lebenslanges Lernen zu Gunsten von Modulen wäre mittelfristig für Unternehmen und Arbeitnehmer deshalb mit höherem Aufwand verbunden, weil bei den schmaler zugeschnittenen Modulen ununterbrochener kostspieliger Anpassungsdruck bei den erworbenen Qualifikationen entstünde. Die duale Berufsausbildung vermittelt demgegenüber eine breite Grundqualifikation, die ein hohes Maß an beruflicher Mobilität und Einsatzfähigkeit innerhalb des Unter-nehmens und auf dem Arbeitsmarkt sichern hilft.
  • Bei der Qualifikationskollage durch Kombination einzelner Module wird der sichere Boden, des auch im Zeitalter rapiden wirtschaftlich-technischen Wandels zum Befahren oder Begehen des Bildungsweges erforderlich ist (d.h.: das Inhaltliche , das Fachliche, das Systematische, das Generalisierbare, das Transferierbare), zur Zweitrangigkeit degradiert (s. hierzu Lipsmeier 1998)
  • Schließlich würde ein Übergang zu Modulen auch das wichtige bildungspolitische Ziel der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung infrage stellen. Die Addi-tion einer Anzahl unterschiedlicher Teilqualifikationen kann schwerlich den Anspruch erheben, eine gleichwertige Alternative zu anderen Bildungsgängen zu bieten.

Im Ergebnis bleibt festzuhalten: Das Berufskonzept hat in keiner Weise ausgedient. 85 % der erfolgreichen Meisterprüfungsabsolventen der Handwerkskammer Düsseldorf haben in der letztjährigen Umfrage angegeben, sie würden den erlernten Beruf noch einmal wählen. 93 % würden ihre Meisterprüfung noch einmal ablegen und weit über 50 % haben die Absicht, sich selbständig zu machen. Die Bereitschaft, ihren Kindern denselben Handwerksberuf zu empfehlen und ebenso die Absicht, Lehrlinge auszubil-den, ist bei den Jungmeistern überdurchschnittlich hoch. Deutlicher kann ein Bekennt-nis zum Beruf und zur Berufsausbildung nicht ausfallen. Dies steht in offenkundigem Widerspruch zur These vom Verlust des Berufes als Lebensperspektive (s. Hugo Küchler 1998). Der Beruf hat somit in Deutschland auch heute noch eine prägende Funktion für die Menschen. Folgende Merkmale sind hervorzuheben:

  • Der Beruf gibt vielen Menschen eine Chance, ihren Erwerb zu sichern.
  • Der Beruf ist im Gegensatz zum "Job" immer mit einer umfassenden Ausbildung verbunden.
  • Der Beruf hat eine identitätsstiftende, statusbildende Bedeutung.
  • Der Beruf bietet eine wichtige Möglichkeit zur Teilhabe am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben.

Das duale System der beruflichen Bildung in Betrieb und Berufsschule hat Deutschland überdies unter den großen EU-Ländern die niedrigste Jugendarbeitslosenquote verschafft. Das Berufskonzept mit bundesweit gültigen, einheitlichen, transparenten und von den Betrieben mitgestalteten Ausbildungsordnungen als Basis einer zu vermittelnden Gesamtqualifikation muss und wird weiterhin Bestand haben (s. Claus-Dieter Weibert 1998 a). Diese Aussage setzt voraus, dass die Arbeit an der Modernisierung und Flexibilisierung dualer Ausbildungsgänge mit Hochdruck fortgeführt wird.

These 9: Die unerlässliche Modernisierung der allgemeinbildenden und berufsbezogenen Bildungsgänge ist ohne eine entschlossene Öffnung für den Wettbewerb in Sachen Bildung über Landes- und Bundesgrenzen hinweg undenkbar.

Experimente mit Gebühren für Bildungsleistungen bringen nicht nur Geld in die Kasse, sondern führen auch zu einem verstärkten Einfluss der Bildungsnachfrager auf das Bil-dungsangebot. Der Kunde sollte König und nicht Paria sein. Die Expansion der gebühren-finanzierten Angebote z.B. von MBA-Studiengängen im postgraduierten Bereich ist ebenso eine Erfolgsstory wie die gebührenfinanzierten Weiterbildungsangebote z.B. der Industrie- und Handels- sowie der Handwerkskammern. Wer Studiengebühren verweigert, betreibt die Pauperisierung unserer Bildungseinrichtungen, verurteilt die Studenten zur suboptimalen Zeitnutzung und treibt die Cleveren außer Landes. Zur "Durchlüftung" unserer Bildungsland-schaft gehören nicht nur die Einführung von Bachelor-Studiengängen nach angel-säch-sischem Vorbild, sondern z.B. auch die Einführung des sog. "Freischusses" nach dem Vor-bild des Jurastudiums in weiteren Fachbereichen. Der Modernisierungsbedarf im Bereich der beruflichen Bildung lässt sich anhand von folgenden Kernpunkten verdeutlichen: -

  • Berufliche Karrierewege für Abiturienten durch Kombi-Ausbildungen in Fachhochschulen und Betrieben attraktiv machen.
  • Durchstiegsperspektiven für Facharbeiter, Gesellen und Meister in den Hochschulsektor eröffnen.
  • Berufsübergreifende Fächer in den Berufsschulen stärken und den Berufsbezug herstellen.
  • Forcierte Schaffung neuer Ausbildungsordnungen und Modernisierung alter Ausbil-dungsordnungen unter sehr viel stärkerer Berücksichtigung auch des Handwerks als dem ausbildungsintensivstem Wirtschaftsbereich.
  • Stärkere Verzahnung der Aus- und Weiterbildung im Sinne eines lebenslangen Lernens.
  • Verstärktes Qualitätsmanagement auch in der beruflichen Bildung.

These 10: Bildung ohne die Akzeptanz der Grundtugenden ist keine Bildung - das ist die Botschaft des 20. Jahrhunderts an das 21. Jahrhundert

Mit dem Hinweis, das Wissen der Menschheit verdoppele sich alle 5 Jahre, wird suggeriert, Wissen und Erkenntnisse aus Vergangenheit und Gegenwart hätten kaum noch Bestand. Dies trifft zumindest auf die entscheidenden Konstanten des Menschlichen nicht zu. Zur Bildung gehört auch im 21. Jahrhundert die Akzeptanz von Grundtugenden als gemeinsames Ideal für alle: Für Studierte und Nicht-Studierte, für Handwerker und Wissenschaftler, für Hauptschüler und Gymnasiasten. Die Geschichte des zurückliegenden Jahrhunderts hat gezeigt, welche Aggressivität in der Triebstruktur des Menschen neben den guten Anlagen auch vorhanden ist und welcher Hang zur Destruktion davon ausgehen kann. Ein akzeptier-ter Mindestbestand an Grundtugenden ist als Korrektur dieser Triebkräfte unentbehrlich (s. Erich E. Geissler 1998). Hierfür bieten sich die aus dem Altertum überkommenen Kardinal-tugenden an: Klugheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Statt von Klugheit spricht man heute auch von Urteilsfähigkeit und Entscheidungsvermögen, statt von Tapferkeit, von Mut, Stehvermögen, Zivilcourage oder Risikobereitschaft und Selbstverantwortung, statt von Mäßigung von Selbstdisziplin und Bescheidenheit. Diese Grundtugenden entsprechen der Natur des Menschen als Person und Sozialwesen, seinen Lebensaufgaben und seinen Schwächen (s. Wolfgang Brezinka, 1998). Deshalb sind und bleiben sie allgemein gültig - trotz aller Beschleunigung des Tempos der Veränderung. Sie sind integraler Bestandteil wahrer Bildung - unabhängig von ökonomischer Verwertbarkeit und dem Anspruch auf indi-viduelle Lebensgestaltung. Diese Tugenden geben aber beidem Ziel und Grenze.


Benutzte Quellen:

  • Martin Twardy, Berufsbildung im Handwerk - Gedanken zu einem wirtschafts- und berufspädagogischen Problem unserer Zeit, in: Martin Twardy, Ausbildungsbereitschaft im Handwerk - Ergebnisse und Kommentierungen einer Betriebsbefragung und einer Fachtagung anlässlich der Handwerksmesse NRW am 21. Juni 1996, Reihe "Berufsbil-dung im Handwerk", Reihe B, Köln 1996, S. 100 f.; K.J. Tillmann, Sozialisationstheo-rien, 4.A, Reinbeck b. Hamburg 1993
  • Wolfgang Brezinka, Allgemeinbildung heute, in: Die politische Meinung Nr. 335/Oktober 1997, S. 88 ff.
  • Erich E. Geissler, Über die Notwendigkeit eines neuen Willens zur Selbständigkeit, in: Die politische Meinung Nr. 346/September 1998, S. 57 ff.
  • Peter Glotz, Die Gesellschaft zwischen den Krusten, in: Gewerkschaftliche Bildungs-politik Nr. 7/8-1999, herausgegeben von der Abteilung Bildung des Bundesvorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes, S. 7 ff.
  • Hugo Küchler, Ist der Beruf noch zu retten?, in: Deutsches Handwerk Report 10/1998 S. 10 ff.
  • Hugo Küchler, Leserbrief "Berufsbildung", in: Rheinische Post/ Ausgabe vom 15.1.2000
  • Claus-Dieter Weibert, Das Berufsprinzip als strukturierendes Element der Arbeitsorga-nisation: Traditionelles Ordnungsprinzip oder überholte Beschränkung? Vortrag vor der Sozialforschungsstelle Dortmund, 12. Mai 1998, als Manuskript vervielfältigt, S. 1 ff (1998a)
  • Antonius Lipsmeier, Vom verblassenden Wert des Berufes für das Berufliche lernen, in: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 94.Bd., Heft 4 (1998), S. 481 ff.
  • Claus-Dieter Weibert, Statement bei der Anhörung des Ausschusses für Schule und Weiterbildung des Landtages Nordrhein-Westfalen in seiner 34.Sitzung (öffentlich)/Ausschuss-Protokoll 12/867 vom 5.5.1998 (1998 b)
  • Winfried Schlaffke, Statement bei der Anhörung des Ausschusses für Schule und Weiterbildung des Landtages Nordrhein-Westfalen in seiner 34. Sitzung (öffentlich)/ Ausschuss-Protokoll 12/867 vom 5.5.1998