Mehr Markt für Manager - Managerhaftung ist die Logik der Marktwirtschaft

Thesen von Dr. Thomas Köster Geschäftsführer des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstags vom 29. Juli 2002

Die Management-Kultur ist ins Gerede geraten. Vorstandsmitglieder von Publikumsaktiengesellschaften werden als angestellte Manager-Unternehmer beschimpft, weil sie für eine Fülle von folgenschweren Fehlentscheidungen die Verantwortung trügen; Gleichzeitig würden sie die ihnen anvertrauten Gesellschaften als Selbst-bedienungsladen missbrauchen. Diese Vorwürfe, so plausibel sie im Einzelfall sein mögen, treffen jedoch nicht den Kern des Problems. Die Manager-Unternehmer verhalten sich so, wie dies die gegenwärtige Unter-nehmensverfassung mit ihrer Dominanz angestellter nichthaftender Unternehmensleiter es nahe legt. Folgerichtig hilft nicht die Kritik an persönlichem Fehlverhalten weiter, sondern nur die Änderung der hierfür ursächlichen Strukturen. Hier kommt die Lenkungsmechanik unse-rer Marktwirtschaft in den Blick: Der Markt hält - je nach Erfolg oder Misserfolg - für die ver-antwortlichen Unternehmer Belohnungen oder Strafen bereit. Dieses Grundprinzip ist bei angestellten nichthaftenden Manager-Unternehmern nur zur Hälfte verwirklicht; Erfolge werden mit Belohnungen bedacht, Misserfolge sind aber nicht mit der Haftung für den angerichteten Schaden verbunden; im Gegenteil erhalten Manager sogar im Falle ihres Scheiterns üppige Abfindungen, die gelegentlich den Wert des Lebens-einkommens Dutzender von Normalverdienern entsprechen. Der Anreiz-/ Sank-tionsmechanismus des Marktes ist deshalb gerade für Manager-Unternehmer außer Kraft gesetzt. Es stellt sich die Frage, ob die erforderliche Korrektur nicht gerade hier ansetzen müsste.

Nach Auffassung der Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft zählt die persönliche Haftung der Entscheidungsträger zu den konstituierenden Prinzipien der Wettbewerbsordnung. Die persönliche Haftung soll bewirken, dass die Verwendung des Kapitals vorsich-tig erfolgt. Investitionen werden hiernach umso sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwort-liche für diese Investitionen haftet. Die Haftung wirkt insofern prophylaktisch gegen eine Ver-schleuderung von Kapital und zwingt dazu, die Märkte vorsichtig abzutasten. Verantwortliche Entscheidungen sind nach der Logik der Marktwirtschaft ohne die persönliche Haftung der Entscheidungsträger schwerlich zu erwarten. Ohne Haftung fehlt eine unentbehrliche Bremse im unternehmerischen Entscheidungskalkül. Ohne Haftung ist es, als hätte man vergessen, im Unternehmensfahrzeug die Bremse ein-zubauen. Das Sprichwort sagt: "Aus anderer Leute Fell lassen sich gut Riemen schneiden." Mit fremder Leute Kapital ist die Hemm-schwelle gegenüber riskanteren Entscheidungen herabgesetzt. Die Volkswirte sprechen von einer verminderten Allo-kationseffizienz der marktwirtschaftlichen Entscheidungsmechanik.

Die jüngste Wirtschaftsgeschichte bietet hierzu eine Fülle von Beispielen: Aufgrund der fehlenden Haftungsbremse haben Management-Moden im Entscheidungskalkül der Manager-Unternehmer sehr viel stärker verhaltensprägend gewirkt als bei Eigentümer-Unternehmern: Bis etwa 1990 führte die vorherrschende Managementlehre der Diversifizierung zur Bildung von immer größeren Mischkonzernen und Konglomeraten. Wenig später wurden Mischkonzerne als Relikt einer untergegangenen Epoche belächelt. Die Maxime der Konzentration auf das Kernge-schäft wurde zum Dogma. Heute dagegen hat die Krise der letzten Monate die Verwundbarkeit dieser Unternehmensstrategie offenbart. Das mit diesen wechselnden Management-Moden verbundene hektische "Stop and go" der Unter-nehmens-politik vieler großer Publi-kumsaktiengesellschaften hat zu schweren einzel- und gesamtwirt-schaftlichen Schäden geführt. Bei persön-licher Haftung der Entschei-dungsträger hätten diese Schäden sehr viel stärker begrenzt werden können.

Nach Meinung der Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft sind haftungsbeschränkende Gesellschaftsformen in hohem Maße für Konzentrationsprozesse in der Wirt-schaft ursächlich. Hinter dem Schutzschild von Haftungsbeschränkungen lässt sich relativ risikolos fusionieren. Die gewaltige Welle von Unternehmensfusionen im zurückliegenden Jahrzehnt bietet hierfür umfangreiches Anschauungsmaterial. Heute wissen wir: Zwei Drittel der durchgeführten Fusionen scheitern. Auch hier hätte die persönliche Haftung der Entschei-dungsträger zu einem vorsichtigerem Umgang mit dem anver-trauten Kapital geführt. Die gewaltigen einzel- und gesamtwirtschaftlichen Schäden des Fusionstaumels der letzten Jahre hätten entscheidend gemindert werden können.

Diese Hinweise zeigen, dass die persönliche Haftung der Entscheidungsträger unabhängig von Größe und Rechtsform der Unternehmen unerlässlich ist. Allerdings erscheint es geboten, die persönliche Haftung des Vorstandes einer Publikums-aktiengesellschaft weniger umfassend auszugestalten als die des Eigentümer-Unternehmers einer Einzelfirma. Im Unterschied zum selb-ständigen Einzel-Unternehmer ist der Vorstand einer Aktiengesellschaft u. a. an die Beschlüsse von Hauptversammlung und Aufsichtsrat gebunden. Außer-dem hat er im Unterschied zum Einzel-Unternehmer nur insoweit Anspruch auf Teile des Unter-nehmensgewinnes, wie sie ihm durch Vorstandsvertrag zuerkannt sind. Es kann sich von daher nur darum handeln, die persönliche Haftung des Vorstandes einer Publi-kums-aktiengesellschaft der des Eigentümer-Unternehmers anzunähern, nicht aber sie zu über-nehmen.

Bereits das geltende Recht wie z. B. das deutsche Aktienrecht sieht eine Haftung von Vor-standsmitgliedern (§ 93 AktG) und der Mitglieder des Aufsichtsrates (§ 116 AktG) vor. Ist streitig, ob die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Vor-standsmitglieds oder Auf-sichtsratsmit-glieds angewandt worden ist, so trifft sie die Beweislast. Trotz dieser Beweislastumkehr konnten der-artige Schadenersatzforderungen des Unternehmens gegenüber Vorstandsmit-gliedern oder Aufsichtsratsmitgliedern bisher nur ausgesprochen selten durchgesetzt werden. Denn selbst dann, wenn das Mit-glied des Vorstandes oder des Aufsichts-rates nicht nachweisen kann, dass sorg-falts-gemäß gehandelt worden ist, ergibt sich für die Durchsetzung des Schadener-satz-anspruches eine doppelte Schwierigkeit: Zum einen muss ein konkreter Schaden ermittelt werden und zum anderen ist dieser Schaden dem Sorgfalts-verstoß kausal zuzurechnen. Genau hier setzt der Vorschlag einer Neuregelung an. Künftig soll ein Vorstandsmitglied, dem eine Sorgfaltspflicht-verletzung zur Last fällt (d. h. der den diesbezüglichen Entlastungsbeweis nicht führen kann) zur Zahlung eines Ersatzbetrages in Höhe des Gehaltes des letzten Kalenderjahres verpflichtet sein. Für Aufsichtsratsmitglieder ist eine analoge Ver-fahrensweise anzuwenden. Diese Regelung führt nach US-amerika-nischem Beispiel einen normativen Mindestschaden ein, für den gehaftet wird. Damit wird insoweit auf den Nachweis eines konkreten Vermögensschadens der Gesellschaft verzichtet. Außerdem bedarf es dann nicht mehr des Nachweises einer Ursachenbeziehung zwischen dem Sorgfaltspflichtverstoß des Vorstandsmit-gliedes und einem Schaden. Da es sich um den Ersatz eines normativen Mindestschadens handelt, steht die Regelung der Haftung für einen weitergehenden Schaden der Gesellschaft nicht ent-gegen. Die Höhe des normativen Mindestschadens bleibt aller Voraussicht nach hinter dem zu erwartenden Gesamtschaden zurück.

Dieser hier nur in den Grundzügen dargestellte Vorschlag zielt darauf ab, die Unterschiede in der Haftung von Eigentümer-Unternehmern und Manager-Unternehmern zu verringern. Der Anreiz-/ Sanktionsmechanismus des Marktes wird auch für Manager-Unternehmer wieder stärker in Kraft gesetzt. "Mehr Markt für Manager" lautet die Parole. Die zu Tage getretene Beeinträchtigung der Lenkungsqualität unserer Marktwirtschaft wird beseitigt oder zumindest gemildert. Der verantwortliche und haftende Unternehmer wird wieder zum unternehme-rischen Leitbild unserer Wirtschaftsordnung. Wie schon die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft erkannt haben, ist dies unverzichtbar, wenn wir eine Gesellschaftsordnung wünschen, in der Freiheit und Selbstver-antwortung herrschen.

Düsseldorf, 29. Juli 2002
gez. Dr. Thomas Köster