Welchen Platz haben Wettbewerb, Unternehmerinstinkt und handwerkliche Fertigkeiten im Konzept der Wissensgesellschaft?

Vortrag von Dr. Thomas Köster, Geschäftsführer des Nordrhein-Westfälischen Handwerkstages (NWHT), bei der Wissenschaftlichen Veranstaltung von RWI und NWHT aus Anlass des 70. Geburtstages von Herrn Heinrich Frommknecht am 6. Juni 2002 in Düsseldorf

Eine Position aus der Sicht des Handwerks

Anrede,

Wenn man sich auf einen Beitrag für eine wissenschaftliche Veranstaltung vorbereitet, wird man schon mit Blick auf das Thema Wissensgesellschaft das Internet konsultieren. Das habe ich getan und bin bei google fündig geworden: Zum Stichwort Wissensgesellschaft findet die Suchmaschine 30.100 Hinweise.

Das ist eine beeindruckend hohe Zahl an Quellen zu diesem einen Begriff. Sie macht nicht nur die enorme Leistungsfähigkeit der Suchhilfe wie die des Internet überhaupt deutlich, sie zeigt natürlich auch, welchen Raum die Diskussion um die Wissensgesellschaft inzwischen einnimmt. Wenn wir uns damit heute befassen, folgen wir zweifellos einem richtigen Instinkt für eine grundlegende Entwicklung in unserer Gesellschaft.

Wir wollen heute aber ja über das Handwerk in der Wissensgesellschaft sprechen; ich habe deshalb dann auch noch den Begriff Handwerk in die Suchmaschine eingetippt. Und siehe da: google findet 524.000 Einträge. Das ist mit Verlaub 17 Mal mehr als zum Stichwort Wissensgesellschaft.

Nun will ich diese Zahlenspielerei natürlich nicht überbewerten. Zur Einstimmung in mein Thema mag dies aber als augenfälliger Beleg dafür dienen, dass das Handwerk natürlich längst seinen Platz im Internet gefunden hat und damit ganz offensichtlich zum festen Bestandteil der Wissensgesellschaft, die ja damit in enger Verbindung steht, geworden ist. Als Vertreter des Handwerks könnte man versucht sein, sich beruhigt zurück zu lehnen; die Generalfrage unserer Veranstaltung lässig mit dem Hinweis, die Zukunft des Handwerks sei längst angebrochen, beantworten und zum gemütlichen Teil unserer Zusammenkunft übergehen.

Ganz so leicht will ich es mir aber nicht machen; mit einer so saloppen Vorgehensweise würden wir den Herausforderungen des Handwerks in Deutschland und speziell hier in NRW auch nicht gerecht. Denn einen anderen Eindruck gewinnt man, wenn man sich daran erinnert, dass das Handwerk in Deutschland seit 1994 insgesamt rund eine Million Beschäftigte verloren hat. Wir befinden uns derzeit in der schwersten Rezession, die das Handwerk seit 20 Jahren durchgemacht hat. Und die Frage ist ja naheliegend, ob wir es wirklich nur mit mittelfristigen Störungen zu tun haben oder ob dieser längerfristige und aktuell noch besonders zugespitzte Negativtrend nicht doch etwas mit grundlegenden Anpassungsproblemen zu tun hat, denen viele der kleinen Handwerksbetriebe und möglicherweise das selbständige Handwerk insgesamt nicht mehr gewachsen sind.

Anders gesagt: Wird das Handwerk, das alle Untergangsprophezeihungen etwa zu Beginn der Industrialisierung Lügen gestraft hat, nun im 21. Jahrhundert von der Wissensgesellschaft doch noch in die Marginalität getrieben? Ist die Phase der Wirtschaftsentwicklung, in der dezentrale wirtschaftliche Einheiten im Hinblick auf Wertschöpfungs- und Beschäftigten-Anteilen nach vorne marschierten, beendet und wird sie jetzt abgelöst von einer neuen wirtschaftlichen Epoche, in der im Zuge der Wissensgesellschaft immer größer werdende Unternehmen das Unternehmensmodell der Zukunft darstellen?

Um meine Antwort gleich mitzugeben: Ich bin sehr nachhaltig nicht dieser Auffassung. Aber es ist wichtig, genauer auf diese Frage einzugehen, um die Potenziale des Handwerks und der Klein- und Mittelbetriebe in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft zu erkennen und auch um die Risiken und Gefährdungen in den Blick zu nehmen, damit wir Chancen für das Handwerk und für die Gesellschaft als Ganzes nicht verspielen sondern aktiv nutzen.

Noch einmal zurück zu google: Die Kombination der beiden Begriffe Wissensgesellschaft und Handwerk führt mit etwa 1400 Hinweisen zwar immer noch zu einem sehr großen, aber schon deutlich bescheideneren Ergebnis. Was sich dort findet, sind vor allem Statements zu feierlichen Anlässen. Ministerpräsidenten oder Kammerpräsidenten äußern sich zum Handwerk in der Wissensgesellschaft und befleißigen sich dabei meist eines beruhigenden Tenors: Das Handwerk werde es in den modernen Zeiten schon irgendwie schaffen.

Mir fällt auf, wie undifferenziert und zugleich unpräzise der Begriff Wissensgesellschaft vielfach verwendet wird. Was also genau darunter zu verstehen ist, scheint so klar gar nicht zu sein, so dass die Konturen unscharf bleiben; unterstellt wird zumeist, dass wir uns in der Entwicklung hin zu einer Gesellschafts- und Wirtschaftsform befinden, in der Wissen als neuer Produktionsfaktor zu den klassischen Faktoren Boden, Arbeit und Kapital hinzutritt, dass die Menge an verfügbarem Wissen ständig und mit steigender Geschwindigkeit zunimmt, dass es vor allem auf Schnelligkeit, auf die Beschleunigung der Beschaffung und Verarbeitung von Wissen ankommt, und dass Lernen und die Qualifikation der Menschen zentrale Faktoren sind. Das Ergebnis im einzelnen aber bleibt (noch?) unklar; die Eigenschaften einer Wissensgesellschaft kann man – so ist der Eindruck - noch nicht genau kennen. Auf jeden Fall aber nutzen alle Leute einen Computer.

Nun ist aus dem Blickwinkel des Handwerks nicht zu verkennen, dass Wissen immer mehr an Bedeutung gewinnt und dass damit das Anforderungsniveau und die Ansprüche an die Lernbereitschaft steigen.

Wo bislang Stromleitungen verlegt, Schalter eingebaut und Leuchten installiert werden, tritt nun die Digitaltechnik etwa mit Bus-Systemen hinzu, die Beleuchtungssysteme mit der gesamten Hausinstallation intelligent vernetzen und über Schnittstellen auch aus der Ferne steuer- und regelbar machen. Nicht nur verfügt die Anlage damit über eine eigene Intelligenz, da sie von selbst auf unterschiedliche Umweltzustände reagieren kann; auch der Installateur, der die Anlage programmiert und in Betrieb setzt, muss über mehr und qualitativ ganz anderes Wissen verfügen, als sein Vorgänger.

Wo in der Vergangenheit Erfahrung, ein Schraubenschlüssel und eine Lötlampe ausgereicht haben mögen, um einen Dieselmotor ans Laufen zu bringen, muss der Kfz-Techniker sich auf die elektronische Motorsteuerung einlassen, muss die Elektronik verstanden haben und für die Prüfung der Motorfunktionen auf abgespeichertes Wissen in der Datenbank des Herstellers zurückgreifen, der ja im übrigen heftig bemüht ist, sein Wissen zu monopolisieren und durch strikte Abschottung auf die Fabrikate anderer Hersteller unanwendbar zu machen.

Sparsam ist der Handwerker eigentlich immer schon mit seinen knappen Ressourcen umgegangen; dank immer dichterer Regelungen etwa im Bereich der Abfall- und Schadstoffentsorgung muss er nun aber über genaues Wissen verfügen, welche Stoffe er verwendet und welche Entsorgungswege für welche Abfälle vorgeschrieben sind. Und er muss diese Wege für seinen Betriebsalltag in genau vorgeschriebener Weise dokumentieren, das heißt er braucht zudem sehr viel mehr an Wissen über die vorgeschriebenen Abläufe.

Tischler haben gelernt, Maß zu nehmen und dann Maße aufs Holz zu übertragen, um Teile entsprechend zuzuschneiden. Wo CNC-Maschinen im Einsatz sind, und das ist in vielen Tischlereien der Fall, muss er sein Produkt am Computer planen, dort die Maße eingeben, ein Programm, also Wissen produzieren, um dann der Maschine die Umsetzung zu überlassen.

Jeder, der das Handwerk kennt, könnte diese Liste ohne Mühe erweitern, um zu verdeutlichen, welch enormem Wandel das Handwerk unterliegt, welchem Wandel es sich auch tatsächlich unterzieht und in welch starkem Maße dabei zusätzliches Wissen gefordert wird und wenn sie so wollen "Wissensarbeit" statt Handarbeit geleistet wird.

Daraus ergibt sich diese erste These, die ich im weiteren nicht weiter zu diskutieren brauche:

Das Handwerk ist kein Rückzugsgebiet, kein Refugium für Wissensverweigerer. Es gibt kein Zurück in Meister Eders Tischlerwerkstatt. Allenfalls in kleinen Nischen mögen sich idyllische Verhältnisse halten können. Sie aber sind die Ausnahme, nicht die Regel. Vom Handwerk insgesamt wird mit intelligenten Techniken und einer (leider) gegebenen Regelungsdichte mehr und mehr an Wissen erwartet. Dieses Mehr an Wissen wird sich das Handwerk auch aneignen, da Wissensverweigerung für seine dezentralen wirtschaftlichen Einheiten den Untergang bedeuten würde. Dies gilt um so mehr, da sich die eigentliche Wertschöpfung immer stärker von der hand- zur wissensbasierten Arbeit verlagert.

Das ist im Handwerk nicht anders als in anderen Wirtschaftsbereichen. Handwerker setzen zunehmend mehr Wissen für ihre Arbeiten ein. Sie brauchen den Zugang zu aktuellem Wissen, das etwa im Fall von Schaltplänen, Installationsanleitungen, Softwareprogrammen etc. schnell veraltet. Und der Zugriff auf Wissen muss schnell erfolgen können, weil die Zeit für die Informationsbeschaffung mit herkömmlichen Mitteln angesichts des Kostendrucks und hoher Anforderungen an das Wissen sehr schnell unbezahlbar wird.

Die Datentechnik, Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnik, der Aufbau von Datenbanken machen dies alles möglich. Soweit Informationen für die Handwerksbetriebe etwa über das nicht hierarchische Internet dezentral, schnell und zu geringen Kosten zur Verfügung stehen, erwachsen daraus neue, und bislang noch längst nicht genutzte Chancen für kleine Unternehmen, für Existenzgründer im Handwerk und weit darüber hinaus. Wenn die Wissensgesellschaft also eine Gesellschaft wird, die Wissen nicht monopolisiert, sondern breit und dezentral anbietet, wird dies zu mehr Vielfalt und auch zu mehr freiem Leistungswettbewerb führen. In einer solchen Gesellschaft ist das Handwerk gut aufgehoben.

Mitunter allerdings kann man den Eindruck gewinnen, Wissensgesellschaft wird nicht nur mit der schnellen Verfügbarkeit von Wissen in Verbindung gebracht, sondern damit ist zugleich die Erwartung eines immer umfassenderen Wissens, ja geradezu eines vollkommenen Wissens und einer Beseitigung von Ungewissheit verbunden.

Aus der Wissensgesellschaft wird dann allerdings das Zerrbild einer Allwissensgesellschaft.

Anders kann ich mir beispielsweise manche gewaltige Firmenzusammenschlüsse, wie wir sie besonders in den letzen Jahren erlebt haben, kaum erklären. Es scheint die Hoffnung zu geben, so viel und qualitativ so umfassendes Wissen ansammeln und für einzelne Unternehmen verfügbar machen zu können, dass solche riesigen Gebilde von einigen wenigen angestellten Manager-Unternehmern tatsächlich gesteuert werden können. Der Wettbewerb zwischen einer Vielzahl unabhängiger Unternehmen hat dann aus der Sicht der Protagonisten dieser Entwicklung keinen Platz mehr, er ist aus dieser Sicht ohnehin nur lästig. Er wird ersetzt durch große Mengen an Wissen und die schnelle Verarbeitung des Wissens über Produkte, Techniken, Verfahren, Kundenpräferenzen, Marktbedingungen, Finanzierungsmöglichkeiten in immer weniger und immer größeren Unternehmen. Man könnte sagen: Wettbewerb wird in einem solchen Szenario ausgeschaltet durch die geballte Macht des Wissens, das an immer weniger Stellen konzentriert ist. Vorgeblich geniale Wissenssysteme und vermeintliche Wissensvorsprünge werden als Legitimation für die Herausprägung von Marktmacht herangezogen und missbraucht.

Übrigens auch die ganze Debatte um neue Richtlinien für differenzierte Eigenkapitalhinterlegungen in den Banken unter dem Stichwort Basel II wird nach meinem Eindruck erst verständlich, wenn man sich klar macht, dass die Triebfeder dafür der Glaube an umfassende Wissenssysteme ist. Wenn man nur umfangreiche Informationen über Kreditengagements, Ausfallwahrscheinlichkeiten, Unternehmensdaten und Planungskennziffern sammelt, auswertet und schnell verfügbar macht, dann besitzt man – so ist der Glaube - ein System, das das richtige Rating, das richtige Kreditrisiko und die richtige Bepreisung von Krediten ermöglicht. Die Beurteilung von Zukunftsrisiken glaubt man, mit Mathematik und Statistik in den Griff bekommen zu können. Die Entscheidungssituationen der Banken sollen sich denen der vollkommenen Information annähern, das Risiko für die Banken soll dank des angesammelten Wissens so weit wie möglich eingeschränkt werden. Und weil das ganze System so gut wird, wollen die Banken, dass die Anwendung dieser Wissenssysteme von Seiten des Staates für allgemein verbindlich erklärt wird und ihre korrekte Durchführung überdies auch noch staatlich überwacht wird. – Die Folge allerdings ist, dass der Bänker vor Ort immer weniger Gestaltungsmöglichkeiten hat, seine Menschenkenntnis und sein Bänkerinstinkt die zu treffende Kreditentscheidung immer weniger beeinflusst.

Die Hybris des Glaubens an allumfassende Wissenssysteme, für die das Basel-II-Regelwerk nur ein besonders aktuelles Beispiel bietet, sollte uns daran erinnern, dass wir die Zukunft eben nicht kennen und deshalb Verfahren benötigen, um Entscheidungen unter Ungewissheit zu treffen.

Der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat hierzu in seinem Aufsatz "Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren" etwas ausgeführt, was m. E. für die Zukunft einer Wissensgesellschaft grundlegend ist und das ich deshalb hier zitieren möchte; Hayek schreibt: "Die Nutzung des weit verstreuten Wissens in einer Gesellschaft mit fortgeschrittener Arbeitsteilung kann nicht darauf beruhen, dass die einzelnen alle die konkreten Verwendungen kennen, die von den Dingen ihrer Umgebung gemacht werden können. Ihre Aufmerksamkeit – so fährt Hayek fort – wird von den Preisen gelenkt, die der Markt für die verschiedenen Güter und Dienste bietet. Das bedeutet unter anderem, dass die besondere und in mancher Hinsicht immer einzigartige Kombination von Kenntnissen und Geschicklichkeiten jedes einzelnen nicht nur – und nicht einmal in erster Linie – Kenntnisse sein werden, die die Betreffenden vollständig aufzeichnen oder einer Behörde mitteilen könnten. Das Wissen, von dem ich spreche – so beschließt Hayek diesen Gedankengang – besteht vielmehr in hohem Maße in der Fähigkeit, besondere Umstände aufzufinden, eine Fähigkeit, die die einzelnen nur wirksam nutzen können, wenn Ihnen der Markt (über die Signalfunktion von Preisen) sagt, welche Art von Gegenständen und Leistungen verlangt werden und wie dringlich." Zitat Ende.

Das heißt, der Wettbewerb fungiert als Entdeckungsverfahren, um zu neuem Wissen zu gelangen, das für die Dynamik von Wirtschaft und Gesellschaft von größter Bedeutung ist, ohne dass es sich dabei auch nur überwiegend um Kenntnisse handelte, die ganz einfach aufgeschrieben und Dritten mitgeteilt werden könnten. Dies genau ist die Art des Erkenntnisfortschritts, wie er für das Handwerk und die mittelständische Wirtschaft charakteristisch ist.

Diese Hayeksche Klarstellung macht deutlich, dass die Apologeten einer Wissensgesellschaft, die die Rolle des Wettbewerbes unterschätzen, bei weitem das überschätzen, was Wissensmanagement zu leisten vermag. Sie untergraben damit ein sehr wirkungsvolles, auf Wettbewerb beruhendes Verfahren, um neues Wissen aus der Kombination von theoretischem Wissen und kreativen Ideen zur praktischen Umsetzung in Produkte und zum Angebot von neuen Dienstleistungen zu erzeugen.

Daraus leite ich zusammenfassend folgende zweite These ab:

Der Verzicht auf einen ergebnisoffenen Prozess, der durch den Wettbewerb vieler dezentraler wirtschaftlicher Einheiten gesteuert wird, und genau das ist die Lebenswelt des Handwerks, und ihr Ersatz durch den Glauben an die Planbarkeit von Wirtschaftsprozessen aufgrund umfangreichen Wissens bedeuten den Verzicht auf die enormen Entdeckungsleistungen, zu denen nur der Wettbewerb die Kreativität der vielen dezentralen Wettbewerbsteilnehmer und das sind vor allem die mittelständischen Unternehmen mobilisiert. Sollten wir das Phänomen Wissensgesellschaft in der angedeuteten Weise missverstehen, dann werden wir große Einbußen in unserer wirtschaftlichen Leistungskraft und damit für die Wohlfahrt in unseren Gesellschaften erleiden. Die negativen Folgen der Konzentrationsvorgänge gerade der letzen Jahre und der damit verbundenen gewaltigen Flops deuten ja bereits in diese Richtung.

Daran kann ich direkt meine dritte These anschließen:

Wissen allein bewirkt noch keine Veränderung und keinen Fortschritt.

Bei aller Anerkennung der Bedeutung von Wissen: Wissen allein führt ganz praktisch gesehen zunächst einmal noch zu nichts. Nur vom Wissen um Zusammenhänge wird man nicht satt; man muss sich das Wissen schon auch noch zu Nutze machen, d. h. es anwenden können. Dazu sind Umsetzungswille, Umsetzungsfähigkeit und Unternehmer-Instinkt unerlässlich.

Insbesondere aber bedeutet Wissen nicht per se Fortschritt. Ob vorhandenes Wissen genutzt wird, um neue Produkte und Verfahren zu entwickeln und am Markt anzubieten, entscheidet sich keineswegs allein aus der Verfügbarkeit von Wissen, sondern erst mit der Anwendung des Wissens.

Mein Misstrauen gegenüber einer vermeintlich allwissenden Gesellschaft wird noch größer, wenn stets undifferenziert über Wissen gesprochen wird. Offenbar kommt es auf sehr unterschiedliche Arten von Wissen an. Neben dem expliziten Wissen, das man insbesondere dank der modernen Datenverarbeitung digital erfassen, verknüpfen und aus Datenbanken abrufen kann, gibt es offenbar Formen des Wissens, die sich dieser Form des Wissensmanagements nachhaltig verweigern.

Dazu gehört der Instinkt von Unternehmern, der eben nicht logisch für andere nachvollziehbar, in Algorithmen beschrieben und wiederholbar ein Wissen nutzt, das er meist selber gar nicht erklären kann. Er gewinnt aber neues Wissen, weil er über eine Begabung verfügt – sei es als Naturtalent, sei es als Ergebnis eines langen Lernprozesses-, bisherige Erfahrungen, Wissen und Assoziationen so auszuwerten, dass neue Kombinationen entstehen.

"Der Unternehmer ist ein Innovator, der neue Ideen produziert oder imitiert und sie realisiert. Er ist der intuitiv schöpferische Mensch im Wirtschaftsleben". So Jochen Röpke in einer Analyse zur Strategie der Innovation. Hart am Marktgeschehen nutzt er sein Gespür für Marktchancen; zugleich aber hält die persönliche Haftung für sein Unternehmen und die Verantwortung für die Mitarbeiter ihn davon ab, unkalkulierbare und unverantwortliche Risiken einzugehen. Und er entscheidet vieles aus dem Bauch, aus seinem Unternehmer-Instinkt heraus – und das oft sehr schnell und mit hoher Treffsicherheit.

Genau das kennzeichnet übrigens viele Betriebsinhaber im Handwerk ebenso wie ihre Kollegen aus anderen mittelständischen Wirtschaftsbereichen: Sie sind nicht – und schon gar nicht in ihrer großen Mehrzahl – die lehrbuchmäßigen Schumpeter-Unternehmer, die mit ihrer Kreativität ununterbrochen revolutionär Neues entwickeln und Bestehendes zerstören. Die gibt es auch. Aber die besondere Rolle der Handwerksunternehmer ist es ja, angepasste Lösungen zu bieten, keine Massenfertigung für einen anonymen Markt zu betreiben, sondern je nach Kundenwunsch, je nach den besonderen Anforderungen durch Improvisation und Geschick angemessene Lösungen zu finden und praktisch umzusetzen. Dabei geht es häufig auch darum, noch nicht ausgereiften industriellen Standard-Lösungen doch noch zur Praxis-Tauglichkeit zu verhelfen. Röpke spricht von "kreativen Imitationen" und trifft für das Handwerk den Nagel genau auf den Kopf.

Hier ließe sich eine große Zahl an Beispielen anführen, die anschaulich machen, wie Handwerker im direkten Kontakt mit ihren Kunden und im Leistungswettbewerb mit Kollegen, die diese Arbeiten auch ausführen könnten, insgesamt sehr vernünftige und angepasste Lösungen für die Kunden erarbeiten; der Bundeswirtschaftsminister hat dankenswerterweise zusammen mit dem ZDH gerade in den letzten Tagen eine Dokumentation von einhundert besonders beeindruckenden Beispielen für Innovationen im Handwerk vorgelegt, von denen viele auch hier aus Nordrhein-Westfalen stammen.

Ich will nur ein Beispiel herausgreifen: Der Inhaber eines ganz kleinen Betriebes in Oberhausen hatte sich während seines bisherigen Berufslebens mit Lasertechnik beschäftigt. Daraus hat er eine besondere aber im Grunde typisch handwerkliche Geschäftsidee entwickelt und mit großem Erfolg umgesetzt. Er setzt einen mobilen Laserschweißer ein, um Reparaturdienstleistungen dort anbieten zu können, wo die herkömmliche Schweißtechnik versagt. Damit hat der Betriebsinhaber mit seinem jungen Unternehmen beispielsweise die weltweit erste Reparaturschweißung von Kraftwerksturbinen durchgeführt, weil diese Anlagen einfach aus Platzgründen bislang für herkömmliche Schweißtechniken unzugänglich waren. Dabei hat er weder die Lasertechnik noch besondere Schweißtechniken erfunden; aber er hat bekanntem Wissen neue Einsatzmöglichkeiten eröffnet und eine Marktlücke gefunden und konsequent besetzt.

Das Beispiel zeigt somit sehr anschaulich, was Unternehmer im freien Leistungswettbewerb zu entdecken und zu leisten in der Lage sind und wie der Markt die besonderen Begabungen herausfordert, motiviert und auch sanktioniert.

Solche besonderen Begabungen gibt es in vielfältiger Weise. Einzelne Menschen können etwas, das andere durch beliebig viele Schulungen und Studien nicht lernen können. Im Rahmen einer wettbewerblichen Ordnung ist es dem besonderen Geschick des "Managements" jeder Gesellschaft, jeder Organisation, auch jedes Unternehmens anheim gestellt, solche Begabungen zu entdecken und richtig einzusetzen. Der Verzicht darauf jedenfalls endet letztlich in Armut und in unendlicher Langeweile, wie die sozialistischen Gesellschaften uns das in ihrem historisch gesehen ebenso kurzen wie außerordentlich traurigen Feldversuch vorgeführt haben.

Die Situation der sog. Transformationsländer zeigt uns, dass Unternehmer-Begabungen ein besonders knappes Gut sind, dass Unternehmer jedenfalls keineswegs einfach vom Himmel fallen. Wir müssen uns im Gegenteil gewaltig anstrengen, diese Begabungen dort zu finden und zu fördern, wo sie tatsächlich anzutreffen sind. Und das ist vor allem in Selbständigenfamilien der Fall. Eine kürzlich an der Universität Dortmund abgeschlossene Untersuchung zum Einfluss der Sozialisation auf das Gründungsgeschehen im nordrhein-westfälischen Handwerk hat ergeben, dass fast 40 % der Jungunternehmer aus Unternehmerfamilien stammen. Dort sind sie unternehmerisch "sozialisiert" worden; dort haben sie von Kind auf bei ihren Eltern beginnend mit dem Frühstück und endend durchaus noch nicht mit dem Abendessen den Alltag der Selbständigkeit erlebt; sie wurden abgeschreckt oder motiviert; viele unter ihnen hatten Gelegenheit, früh zu lernen, nicht bloß Rädchen zu sein, sondern Verantwortung zu übernehmen und zu erfahren, dass und wie man mit Risiken und Ungewissheiten als den Kernherausforderungen des unternehmerischen Daseins leben kann.

Lassen Sie mich dies wie folgt als vierte These zusammenfassen:

Als "Schulen der Marktwirtschaft" und "Saatbeet für unternehmerische Begabungen" bleiben die Familienunternehmen auch und vielleicht gerade in einer stärker wissensbestimmten Gesellschaft mit einem Mehr an dezentral verantworteten wirtschaftlichen Entscheidungen ein zentraler und unersetzlicher Schlüssel für Innovation, Wachstum und Beschäftigung.

Neben den besonderen Begabungen, wie sie sich beim Instinkt der Unternehmer zeigen, gibt es weitere Arten des Wissens, die sich von den bislang angesprochenen unterscheiden.

Ich will hier nun nicht umfassend kategorisieren, sondern eine weitere Form ansprechen, die ich für besonders wichtig halte. Damit Sie verstehen, worauf ich hinauswill, stellen Sie sich doch einmal vor, Sie möchten ihr Badezimmer neu verfliesen, Sie haben etwas Zeit und weil Sie ein des Lesens kundiger Zeitgenosse sind, trauen Sie sich auch zu, ein Buch oder die neuesten Internetseiten über Fliesenlegen nicht nur zu lesen sondern auch zu verstehen, also das dort ausgebreitete Wissen aufzunehmen. Nun stellen Sie sich weiter vor, Sie kaufen sich sehr schöne Fliesen und zudem all das Material und die Werkzeuge, die Ihnen in der Literatur anempfohlen werden. Und Sie machen sich ans Werk. Ich brauche wohl nicht weiter fortzufahren, um ausreichend Phantasie bei Ihnen zu wecken, soweit Sie nicht praktisch gelernt haben Fliesen zu verlegen, wie katastrophal das Ergebnis wohl aussehen würde – trotz Internet und Ihrer intensiven Literaturstudien. Und Sie können sich sicher vorstellen, wie Sie staunend zusehen, mit welch augenscheinlicher Leichtigkeit, Präzision und Geschwindigkeit später der Fachmann oder die Fachfrau Ihnen ein wunderschön verfliestes Badezimmer herbeizaubern.

Das Beispiel und die gleichen Erfahrungen können Sie auch auf Haareschneiden, Tapezieren, Fahrrad reparieren oder Blinddarmoperationen und Zahnfüllungen übertragen. Nur das Wort herbeizaubern war eigentlich falsch gewählt, denn Zauberei ist dabei nicht im Spiel. Wohl aber Können, handwerkliche Fertigkeiten, die nicht angeboren, sondern erworben sind. Wer über solche Fertigkeiten verfügt, hat bei jemandem anderen, am besten bei einem Meister seines Faches, abgeschaut und hat dann so lange geübt, bis er "sein Handwerk" beherrscht. Er oder sie hat sicher über ein gewisses Geschick verfügt, dann aber durch Übung Bestätigung erfahren und Freude im handwerklichen Tun gefunden.

Was uns an diesen Beispielen naheliegend und plausibel erscheint, ist es in Wirklichkeit oft gar nicht. Handwerkliches Geschick spielt, wenn ich das richtig beobachte, in den Schulen immer weniger eine Rolle. Stattdessen wird kognitives Wissen höher gewichtet, weil man glaubt, das sei in einer Wissensgesellschaft sinnvoll. Und es fehlt das praktische Üben. Das Ergebnis sind die Klagen der Ausbildungsmeister über Lehrlinge, die alles schon mal gehört haben, aber nichts richtig können - keinen Dreisatz, keine Prozentaufgaben (Pisa lässt grüßen!) - und auch keinen Hammer und keine Schere richtig anfassen.

Wir brauchen gerade in der Wissensgesellschaft wieder eine höhere Wertschätzung für handwerkliche Fertigkeiten. Der beständigen Abwertung des Arbeitens mit der Hand müssen wir mit einer ganz anderen Entschlossenheit entgegentreten. Ist nicht die Hand, verehrte Anwesende, das schönste, nützlichste, ja intelligenteste Instrument, über das der Mensch verfügt? War es nicht die Hand, die der Mensch als erstes kulturschaffend einsetzte, als er den aufrechten Gang erlernt hatte und der Mensch damit überhaupt zum Menschen wurde? War es nicht die Hand, mit der Prometheus den Göttern das Feuer entriss? Hat nicht der "homo faber" – die Bezeichnung für den handwerklich arbeitenden Menschen in der Literatur – den Gang unserer Zivilisationsgeschichte entscheidend mitgestaltet? Gehören Kopf, Herz und Hand nicht tatsächlich so eng zusammen, wie uns das Pestalozzi in seiner pädagogischen Konzeption geschildert hat? Eine Gesellschaft, die alles weiß aber nichts mehr kann, weil sie handwerkliche Fertigkeiten nicht entwickelt und auch als Tugend nicht pflegt, mag zwar hier und da intelligente Produkte hervorbringen; ob diese aber brauchbar und verlässlich sind, ist eine ganz andere Frage. Abstürzende Computerprogramme und das Nichtvorhandensein von Rat und Hilfe, wenn eben das passiert, mögen eine Idee davon vermitteln, was uns auch in anderen Bereichen – von der Haustechnik über die Chirurgie bis zur Softwareentwicklung - erwartet, wenn wir glauben, auf handwerkliche Fertigkeiten und anerzogene Sorgfalt verzichten zu können.

Wenn wir nach der Bedeutung handwerklicher Fertigkeiten in der Wissensgesellschaft fragen, so ist für das Handwerk ja besonders kennzeichnend, dass das Herausbilden von Fertigkeiten umfassend und im Rahmen der dualen Berufsausbildung geradezu mit Hingabe betrieben wird. Damit wird eine Professionalisierung, eine "Kultur der Solidität" (Prof. Klemmer) erreicht, ohne die eine Wissensgesellschaft nicht funktionieren kann. Beispielsweise kann es für die elektronische Datenverarbeitung höchst gefährlich werden, wenn elektromagnetische Unverträglichkeiten entstehen; nur Fachleute, die theoretisches Wissen und praktisches Können kombinieren können, werden solche Unverträglichkeiten bei der Installation vermeiden.

Wir brauchen also diese handwerkliche Professionalisierung als wesentliche Kompetenz bei der Entwicklung zur Wissensgesellschaft. Richtig bleibt, dass es immer billiger ist, mit Fachleuten zu arbeiten anstatt mit einem Heer von Amateuren, die ihr Können aus dem Internet beziehen. Dabei kommt es mir nicht darauf an, dass wir diese Erkenntnisse auf das Handwerk in der gegenwärtigen Definition der Anlage A der Handwerksordnung beschränken. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass wir die Herausbildung von Professionen mit handwerklichen Fertigkeiten in ganz vielen Bereichen – vom klassischen Handwerk bis hin etwa zur modernsten Lichtwellenleitertechnik - auf Dauer benötigen. Ich will deutlich machen, wie weit die Spannbreite ist, um zugleich dafür zu werben, möglichst viele und eben auch neue, etwa aus der Informationstechnik sich ergebende Professionen in den Bereich des Handwerks zumindest insoweit einzubeziehen, als der Erwerb handwerklicher Fertigkeiten durch praktisches Lernen und Einüben ein zentrales Wesenselement darstellt.

Ich leite daraus meine fünfte These ab:

Die Wissensgesellschaft verlangt nach handwerklicher Professionalisierung. Wo Präzision und Verlässlichkeit gebraucht werden, wo es auf intelligente Verknüpfungen und Anpassungen an individuelle Bedingungen ankommt, und das wird auch und gerade in einer stärker wissensorientierten Gesellschaft so sein, da wird das Vorhandensein von handwerklichen Fertigkeiten als besonderer Form des erworbenen und von Generation zu Generation weitergegebenen Erfahrungswissens von zentraler Bedeutung bleiben.

Ich möchte hier direkt eine sechste und aus meiner Sicht besonders wichtige These anschließen:

In der Wissensflut der Wissensgesellschaft drohen wir unterzugehen, wenn wir nicht aufgrund von Orientierungs-Wissen (das aus meiner Sicht zumeist mit Werte-Entscheidungen verbunden ist) in der Lage sind, die auf uns alltäglich einstürmende Wissensflut zu sortieren und zu kanalisieren. Auch der Hinweis, das Wissen der Menschheit verdoppele sich alle fünf Jahre, vermindert m.E. den großen Wert des uns aus der Vergangenheit überlieferten Orientierungs-Wissens nicht im geringsten. Ich denke hier z.B. an die Christliche Soziallehre, deren Grundprinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität uns bei der Einordnung auch sehr aktueller Phänomene ausgesprochen hilfreich sein können. Ich denke an die konstituierenden Prinzipien der Wettbewerbsordnung, wie sie z.B. von Walter Eucken in seiner Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft formuliert worden sind. Ich denke an die uns aus dem Altertum überlieferte Lehre von den Kardinaltugenden Klugheit, Mäßigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Das Wissen um derart entscheidende Wert-Konstanten des Menschlichen, das im Handwerk immer eine besonders starke Basis gehabt hat, ist gerade in der Informations- und Reizüberflutung der Wissensgesellschaft unerlässlich, wenn diese Gesellschaft eine humane sein und das Maß des Menschlichen seine Bedeutung behalten soll. In Handwerk und Mittelstand hochgehaltene Werthaltungen, wie Leistungsbereitschaft, Maßhalten, Disziplin, Fairness, Ehrlichkeit und Gerechtigkeitssinn haben auch in einer Wissensgesellschaft nichts an Bedeutung verloren. Auch in einer Wissensgesellschaft sind Werte-Entscheidungen unerlässlich – Werte-Entscheidungen für Freiheit, für Machtbegrenzung, für Dezentralität, für Verantwortung. Verantwortung braucht Nähe. Nähe führt zu Verantwortung. Da der Markt solche Werthaltungen nicht schaffen kann, ist die werteproduzierende Funktion von Handwerk und Mittelstand und der für sie typischen Familienunternehmen auch in der Wissensgesellschaft unverzichtbar. Das Wissen des Handwerks um die Unveräußerlichkeit bestimmter Werte – ein Wissen, das sich im Handwerk noch nicht gänzlich verflüchtigt hat – ist jenseits von Angebot und Nachfrage der vielleicht wertvollste Beitrag unseres Wirtschaftsbereiches für die Gesellschaft der Zukunft

Wie kann ich mir nun eine Zukunft für das Handwerk in der Wissensgesellschaft vorstellen? Lassen Sie mich dazu noch einige zusammenfassende, aber nicht umfassende Perspektiven entwickeln:

Perspektive 1:

Das Handwerk erschließt neue und attraktive Marktfelder.

Die Wissensgesellschaft benötigt handwerkliche Fertigkeiten. Das sind nicht zwingend genau all die Fertigkeiten, die das Handwerk herkömmlicher Weise ausgezeichnet hat. Aber es sind Fertigkeiten, die Menschen erwerben müssen, teilweise auch mühevoll sich durch viel Übung aneignen und an andere weitergeben müssen, um sie für die Gesellschaft zu erhalten. In diesem Sinne sehe ich geradezu eine Renaissance für das Handwerk. Dieses Handwerk wird nicht in allen Teilen genau der gegenwärtigen Handwerksdefinition entsprechen. Aber es wird neue Marktchancen finden und neue Märkte besetzen können, weil es Wissensarbeit mit Handarbeit zu kombinieren versteht, weil handwerkliche Fertigkeiten aufgrund ihrer Knappheit nachgefragt und dann auch zum Einsatz gebracht werden.

Das Handwerk wird sich dabei mit seinen dezentralen Einheiten im Wettbewerb behaupten, weil hier die Wissensentwicklung und Wissensverwertung in unmittelbarer Markt-, Realitäts- und Problemnähe stattfindet und die Motivation der Menschen dort am Größten ist. Diese Marktnähe ist bei aller damit verbundenen Härte letzten Endes das größte Plus für das selbständige Handwerk, gerade auch in der Wissensgesellschaft, wenn, ja wenn der Wettbewerb nicht durch Marktmacht oder staatliche Einflussnahme verfälscht wird, sondern die Chance auf freien Leistungswettbewerb besteht oder immer wieder neu erkämpft wird.

Perspektive 2:

Das Handwerk nutzt die Möglichkeiten des Internet und entwickelt virtuelle Formen der Kooperation zwischen selbständigen Unternehmen statt von monolithischen Konglomeraten verdrängt zu werden.

Schon jetzt nutzt weit über die Hälfte aller Handwerker das Internet als ein tägliches Werkzeug der Informationsbeschaffung und des Informationsaustausches. Die Nutzung wird aber noch sehr viel intensiver und extensiver betrieben werden. Den schnellen und kostengünstigen Zugang zu den weltweit verfügbaren Informationen macht sich das Handwerk zum Instrument der eigenen Wettbewerbsfähigkeit. Das Handwerk verfügt damit schneller und aktueller über Installationsanleitungen und technische Daten oder über notwendige Software.

Zugleich nutzen Handwerker viel mehr als derzeit die Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Kooperation unter Einsatz der Informations- und Kommunikationstechniken. Vorteile, die große Unternehmen wegen ihrer größeren Planungskapazitäten und ihrer besseren Möglichkeit zur Prozesssteuerung haben mögen, werden kleine und mittlere Unternehmen durch den Zusammenschluss zu virtuellen Unternehmen mit Hilfe des internet ebenso nutzen. Natürlich setzt das einen Lernprozess voraus und sicher werden auch nicht alle Unternehmen diesen Prozess mitgehen. Natürlich braucht man dafür langen Atem und großes Durchhaltevermögen. Natürlich werden Misserfolge nicht ausbleiben. Aber starke Chancen für diese Entwicklung sind gegeben, da die Vernetzung dezentraler Einheiten heute so kostengünstig wie noch nie in der Geschichte möglich ist.

Perspektive 3:

Das Handwerk wird noch stärker zum lernenden Handwerk

Lernen spielt im Handwerk seit je eine herausragende Rolle. Das haben die Hinweise zu den handwerklichen Fertigkeiten und ihre Vermittlung im dualen System der beruflichen Bildung schon deutlich gemacht. Die Herausforderung im Handwerk ist aber, Fertigkeiten mit neuem Wissen zu verknüpfen. Das macht für Betriebsinhaber und Mitarbeiter ständiges Erneuern von Wissen erforderlich, allerdings nicht zwingend die Teilnahme an Weiterbildungsseminaren in Bildungszentren. Informationen und Schulungsangebote werden das Lernen flexibler und bedarfsgerechter machen. Die neuen Kommunikationstechniken werden uns hier einen neuen enormen zusätzlichen Schub verschaffen. E-Learning über das Internet schafft für Betriebsinhaber und Mitarbeiter die Möglichkeit, die Qualifizierung in den Rhythmus des persönlichen Lebens und des Betriebes einzubauen. Neue Wege werden beschritten: so verbessern mitarbeitende Bäckerfrauen, die mit ihren Männern um 3.00 Uhr in der Frühe aufstehen, zwischen 3.30 Uhr und 6.30 Uhr (bis zum Wecken der Kinder) online von zu Hause aber im Medienkontakt mit ihrem Online-Coach ihre betriebswirtschaftlichen Kenntnisse. So nutzt z. B. ein Galvanik-Betrieb im westfälischen Raum seit zwei Jahren Leerzeiten, die infolge der notwendigen Regeneration von Galvanik-Bädern entstehen, für seine mediengestützte Mitarbeiter-Weiterbildung. Ständige Weiter-Qualifizierung und lebenslanges Lernen sind damit keineswegs ein Privileg großer Organisationen; dezentrale Teilnahme eröffnet vielmehr neue Chancen, damit das Handwerk noch stärker ein lernender Wirtschaftsbereich wird.

Perspektive 4:

Das Handwerk arbeitet partnerschaftlich mit Forschung und Entwicklung in den Wissenschaftseinrichtungen von Hochschulen und Wirtschaft zusammen.

Wissensgesellschaft ist sicher nicht gleichbedeutend mit einer wachsenden Verwissenschaftlichung. Es gibt sogar Stimmen, die angesichts der enormen Wissensproduktion außerhalb des Wissenschaftsbetriebes im engeren Sinn von einer sinkenden Bedeutung der traditionellen Wissenschaftsinstitutionen ausgehen. Wie dem auch sei: Weil der Anteil an wissensbezogenen Tätigkeiten im Handwerk weiter zunimmt und weil wenigstens einzelne Handwerker eigene Entwicklungen betreiben, wird die Bedeutung der Zusammenarbeit des Handwerks mit der Wissenschaft zunehmen. Dabei sehe ich das Handwerk keineswegs in der Rolle des Bittstellers, der nach höheren Einsichten in den Universitäten und Fachhochschulen fragt, sondern vielmehr in der Rolle eines interessanten Partners für die forschende Wissenschaft wie für die entwickelnde Industrie, die ihrerseits die Anwendungskompetenzen der Handwerker für ihre Arbeit benötigen. Allen Partnern des Handwerks in den Wissenschaftsinstitutionen, die in der wissenschaftlichen Begleitung der Handwerkswirtschaft schon bisher Pionierarbeit geleistet haben, sind wir besonders dankbar. Ich nenne hier stellvertretend die Abteilung "Handwerk und Mittelstand" des RWI, mit der das RWI unter den großen Wirtschaftsforschungsinstituten ein Alleinstellungsmerkmal aufweist und die durch die Unterstützung von Herrn Frommknecht als RWI-Verwaltungsratsvorsitzenden und unter der wissenschaftlichen Leitung von Herrn Prof. Klemmer als RWI-Präsidenten ihre heutige Bedeutung erhalten hat.

Perspektive 5:

Das Handwerk findet zunehmend qualifizierten und motivierten Nachwuchs

Die Verknüpfung von theoretischem Wissen mit der praktischen Anwendung, die Nutzung handwerklicher Fertigkeiten und die eigene Verantwortung für Entscheidungen mit unmittelbaren Ergebnissen sowie die Möglichkeit zur Verwirklichung eigener Ideen zeigt sich kaum anderswo so ausgeprägt wie in kleinen und mittelgroßen Handwerksunternehmen. Gehören die Arbeitsplätze im Handwerk mit ihrem großen Gestaltungsspielraum, mit der Konkretheit ihrer Erfolgserlebnisse und ihrer Einbettung in einen überschaubaren Betriebszusammenhang nicht zu den befriedigendsten Arbeitsplätzen der gesamten Wirtschaftswelt? Es ist deshalb so unvernünftig nicht, darauf zu setzen, dass dies eine attraktive Herausforderungen für die Lebensplanung qualifizierter junger Menschen darstellt und dass das Handwerk deshalb auf ein Nachwuchspotenzial setzen kann, das bislang nicht ausreichend im Fokus seiner Nachwuchswerbung und seiner Ausbildung liegt. Es ist deshalb mehr und mehr eine Zukunftsaufgabe, die Attraktivität des Handwerks für begabte junge Menschen transparent zu machen. Image-Umpolung lautet hier das Stichwort; wenig ist so wichtig für die Zukunft des Handwerks!

Es mag sein, dass dem einen oder anderen diese Thesen etwas zu optimistisch erscheinen. Beim Blick auf den Alltag des Handwerks werden sie damit an der einen oder anderen Stelle vielleicht sogar Recht haben. Ich habe anfangs selbst auf die derzeit schwierige wirtschaftliche Situation im Handwerk hingewiesen. Wer mir allerdings gar nicht folgen mag, sollte einmal die Negation meiner Thesen zu Ende denken und sich fragen, ob das denn wohl erstrebenswerte Perspektiven für unsere Zukunft in einer wie auch immer gearteten Wissensgesellschaft sein mögen.

Ich jedenfalls bin sehr sicher, dass wir gar keine Wahl haben als auf das Handwerk zu setzen. Eine Wissensgesellschaft ohne Handwerk wird es nicht geben. Dies wäre dann so, als wollte man den Kopf vom Körper und den Händen abtrennen. Entscheidend bleibt, solche Bedingungen zu schaffen und zu sichern, die ermöglichen, dass der erforderliche Wandel im Handwerk im freien Leistungswettbewerb um die besten Lösungen erfolgen kann.